"In der Kultur kommt es nicht auf die grossen Kontraste, sondern auf die Nuancen an."

 

(Walter Benjamin, Passagen-Werk, S. 1026)

 

 

 


 

 

 

"Was überhaupt die Welt bewegt, das ist der Widerspruch, und es ist lächerlich zu sagen, der Widerspruch lasse sich nicht denken. Das Richtige in dieser Behauptung ist nur dies, dass es beim Widerspruch nicht sein Bewenden haben kann und dass derselbe sich selbst aufhebt."

 

(G.W.F. Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften I, S. 247)

 

 

 

 

 

 

 

 

Übrigens ... – ein Blog

(von Peter Kamber)

 

 

Baden-Württemberger AfD-Landtagsabgeordneter Gedeon hing jahrelang einer antisemitischen Verschwörungstheorie an (12.07.2016)

Wie der Politikwissenschaftler und Soziologe Prof. Armin Pfahl-Traughber am 26. Mai 2016 auf der Internetplattform haGalil.com („Jüdisches Leben online“) enthüllte, bezog sich der AfD-Vertreter im Landtag von Baden-Württemberg Wolfgang Gedeon abstruserweise in einem 2009 erschienenen Buch auf ein seit Jahrzehnten als Fälschung entlarvtes antisemitisches Pamphlet aus den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts, nämlich die berüchtigte zaristisch-geheimdienstliche Fälschung „Die Protokolle der Weisen von Zion“. Gedeon aber behauptete, indem er die ganze historische Forschungsliteratur ignorierte: „Die Protokolle sind mutmaßlich keine Fälschung“.


Prof. Armin Pfahl-Traughber, der die Aufmerksamkeit auf Gedeons Anfälligkeit für diese längst überwunden geglaubte Verschwörungstheorie lenkte, ist Herausgeber des „Jahrbuchs für Extremismus- und Terrorismusforschung“ und bezeichnet die „Protokolle der Weisen von Zion“ als die „am weitesten verbreitete antisemitische Schrift“. Gedeon hatte sein dreibändiges Buch 2009 unter dem Pseudonym W. G. Meister veröffentlicht; es trug den Titel „Christlich-europäische Leitkultur. Die Herausforderung Europas durch Säkularismus, Zionismus und Islam“. Nach Bekanntwerden des Skandals spaltete sich die baden-württembergische AfD-Fraktion; der größere Teil der AfD-Mitglieder tritt seither ohne Gedeon als „Alternative für Baden-Württemberg“ auf; erst danach zeigte sich Wolfgang Gedeon bereit, vorläufig aus der Rest-AfD-Fraktion auszutreten, behält aber sein Landtagsmandat. „Der große Knall“, so titelte die „Stuttgarter Zeitung“ (6. Juli 2016) zu diesen Vorgängen innerhalb der rechtspopulistischen „Alternative für Deutschland“. Der Berliner „Tagesspiegel“ (10. Juli 2016) zitierte unter dem Titel „AfD fürchtet den Zerfall“ den AfD-Mitbegründer Konrad Adam mit den Worten, der „öffentliche Machtkampf“ habe „ein existenzbedrohendes Ausmaß angenommen“. Der Ko-Vorsitzende der AfD, Jörg Meuthen, selbst Baden-Württemberger, der auf den Ausschluss Gedeons aus der Landtags-Fraktion gedrängt hatte und nun die Fraktion „Alternative für Baden-Württemberg“ anführt, erklärte dem „Tagesspiegel“ (10. Juli 2016): „Es ist eine existentielle Frage, ob es uns gelingt, uns glaubhaft von Extremismus und Antisemitismus abzugrenzen.“ Der „Süddeutschen Zeitung“ (21. Juni 2016) zufolge soll eine von der AfD bestimmte Kommission bis September 2016 prüfen, welche Konsequenzen die früheren Veröffentlichungen für den AfD-Abgeordneten Gedeon haben sollen. Bei einer Anhörung wird Wolfgang Gedeon, der von sich sagt, nicht antisemitisch zu sein (was ja nur zu hoffen ist), insbesondere die Frage beantworten müssen, wie um alles in der Welt er 2009 dazu kam, auf einen der übelsten Antisemiten der NS-Zeit, Ulrich Fleischhauer, hereinzufallen und im besagten Buch zu erklären, er halte „die Beurteilung Fleischhauers“ in Sachen „Protokolle“ – diesem fürchterlichen, damals im zaristischen Russland zu Pogromen führenden Pamphlet – „für plausibel“.

 

Für die besagte Kommission dürfte ein eben erst im Mai 2016 in der Schweiz erschienene Biografie eine zentrale Rolle spielen. In ihrem Buch „Für Recht und Würde. Georges Brunschvig: Jüdischer Demokrat, Berner Anwalt, Schweizer Patriot (1908-1973)“ hat die Historikerin Hannah Einhaus nämlich den zwischen 1933 und 1935 in Bern durchgeführten Gerichtsprozess gegen die „Protokolle der Weisen von Zion“ nochmals ganz neu aufgearbeitet. Zu diesem Prozess war es gekommen, nachdem Schweizer Nazi-Anhänger, die sich in u.a. in der „Nationalen Front“ und im „Bund Nationalsozialistischer Eidgenossen“ organisierten, am 14. Juni 1933 im Berner Casino an einer Versammlung, in der sie „mit stramm ausgestrecktem rechtem Arm“ (Hannah Einhaus, S. 41) grüßten, auch „Exemplare des Pamphlets ‘Die Protokolle der Weisen von Zion‘“ verkauften. Die jüdische Gemeinde Berns sah, so die Historikerin Hannah Einhaus, „den Zeitpunkt gekommen, rechtlich gegen die Frontisten vorzugehen“. Dafür bot das bernische Recht eine Grundlage: Es verbot nämlich in Artikel 14 sogenannte „Schundliteratur“. Hannah Einhaus ( S. 44): „Verboten war demnach ‘die Drucklegung, der Verlag, die Feilhaltung, der Verkauf, die entgeltliche Ausleihe, die öffentliche Ausstellung und Anpreisung sowie jedes andere Inverkehrbringen von Schundliteratur, insbesondere von Schriftwerken, deren Form und Inhalt geeignet sind, zur Begehung von Verbrechen anzureizen oder Anleitung zu geben, die Sittlichkeit zu verderben, das Schamgefühl gröblich zu verletzen, eine verrohende Wirkung auszuüben oder sonst wie groben Anstoß zu erregen.‘“ Der junge, am 21. Februar 1908 in Bern geborene Anwalt Georges Brunschvig führte vor Gericht die Klage, zusammen mit dem Berner Rechtsprofessor Hans Matti. Unterstützt wurden sie durch ein Aktionskomitee, das bereits im April 1933 gegründet worden war. Den „inneren Kreis“ der Kläger, so Hannah Einhaus (S. 45), bildete eine „vierköpfige Juristenkommission“, zu der neben Brunschvig und Matti auch der Anwalt Boris Lifschitz gehörte, der ursprünglich aus der Ukraine stammte und perfekt Russisch sprach, aber längst in der Schweiz eingebürgert war und „den Ruf eines Staranwalts“ besaß (Hannah Einhaus, S. 39/44). In Vorbereitung des Prozesses übernahm Lifschitz, so schreibt Hannah Einhaus (S. 45f) weiter, „die Aufgabe, Quellen und Beweise in Russland zu suchen, welche dazu beitragen sollten, die Echtheit der ‘Protokolle‘ in Frage zu stellen und die Fälschung zu entlarven.“

 

„Protokolle der Weisen von Zion“: seit 1921 als Fälschung bekannt

 

Der englische Journalist Phillip Graves hatte in einer Artikelreihe der „Times“ schon 1921 den Nachweis geführt, dass die „Protokolle“ gefälscht waren. Hannah Einhaus führt aus (S. 46): „Ein russischer Informant hatte ihm [Phillip Graves] eine französische Schrift ohne Buchdeckel überreicht, die 1864 anonym in Genf veröffentlich worden war. Im ‘Dialogue aux enfers entre Machiavel et Montesquieu‘ stritten sich die beiden Philosophen in 25 Dialogen. (…) Der Text stammte aus der Feder des französischen Autors Maurice Joly. Mit diesem literarischen Kunstgriff verpackte er [Maurice Joly] seine bissige Kritik am Machthunger Napoleons III [1808-1873]. Der Informant zeigte, dass rund zwei Drittel der ‘Protokolle der Weisen von Zion‘ aus diesem Büchlein wörtlich abgeschrieben und auf Juden umgemünzt worden waren. Aus anderen Abschnitten war ersichtlich, dass die umgeschriebenen ‘Protokolle‘ und die ergänzenden Texte mehr als einen Autor haben mussten. Graves hatte den Fälschungsbeweis faktisch bereits erbracht. Doch dies verhinderte nicht, dass die ‘Protokolle‘ 1922 in einer von Theodor Fritsch herausgegebenen deutschen Übersetzung in Umlauf kamen. Brunschvig versuchte Graves als Zeugen für den Prozess zu gewinnen, musste sich aber mit einer eidesstattlichen Erklärung begnügen, mit der Graves seine Aussagen von 1921 bestätigte. In der Folge gelang es Brunschvig und Lifschitz, rund ein Dutzend Zeugen zu ermitteln und für Aussagen vor Gericht zu gewinnen.“


Die erste der insgesamt drei Hauptverhandlungen in Bern fand am 16. November 1933 statt. „Die erste Befragung der Angeklagten im November 1933“, so Hannah Einhaus (S. 47) verlief „ergebnislos“. Die Schweizer Frontisten scheiterten bei der Suche nach einem „Experten“. Hannah Einhaus (S. 46): „Der Fälschungsbeweis war demnach schon erbracht, doch die große Herausforderung bestand nun in der Suche nach der Urheberschaft.“ In einem russischen Buch, so notierte Brunschvig in einer persönlichen Notiz vom 8. Januar 1934, das ihnen Lifschitz übersetzte, stießen sie darauf, „wie der Fälschungsakt in Paris durch Agenten der Ochrana gemacht wurde“ (Georges Brunschvig, 8.1.1934). Hannah Einhaus weiter (S. 46ff): „Bei der Ochrana handelte es sich um den zaristischen Geheimdienst, der in Paris einen Ableger hatte, um die dortigen Exilrussen, oft Intellektuelle und Linke, zu observieren. (…) Bis Oktober 1934 hatten Brunschvig, Matti, Lifschitz und die weiteren Juristen alles bereit für die zweite Hauptverhandlung. Die Expertisen (…) waren geschrieben und die Zeugen aus Russland, Frankreich, Schweden, Rumänien, England, den Niederlanden und der Schweiz angereist, um über die Herkunft der ‘Protokolle‘ auszusagen. (…) Als ersten Zeugen führte Georges Brunschvig Chaim Weizmann, später Israels erster Staatspräsident, in den Zeugenstand.“ Bekanntlich behaupteten die „Protokolle der Weisen von Zion“, während des ersten Zionistenkongresses 1897 seien, so resümiert Hannah Einhaus (S. 43), „hinter verschlossenen Türen“ angeblich „Pläne für eine Weltherrschaft geschmiedet und in den ‘Protokollen‘ niedergeschrieben worden“. Weizmann hatte zwar nicht selbst am Kongress teilgenommen, doch kannte er alle wirklichen Protokolle des Kongresses. Hannah Einhaus (S. 48ff) über Weizmanns Aussage in Bern: „Nein, Geheimsitzungen habe es dort nicht gegeben, ein Plan zur Errichtung einer jüdischen Weltherrschaft sei nie Thema gewesen, nur die Errichtung einer jüdischen Heimstätte. Alle Aussagen weiterer Zeugen zum Zionistenkongress deckten sich mit denen Weizmanns. (…) Still wurde es im Saal, als der Stockholmer Oberrabbiner Markus Ehrenpreis den Zeugenstand betrat. Er war an der Organisation des Zionistenkongresses beteiligt. ‘Diese ‘Protokolle‘ sind nicht nur eine Fälschung der Protokolle des Zionistenkongresses, sie sind eine Fälschung des Judentums, des jüdischen Volkes, seines Charakters, seines Lebens in 3000-jähriger Geschichte. (…) Jeder Einzelne von uns 16 Millionen Juden in der Welt ist in seiner tiefsten Ehre befleckt, verletzt durch diese schändliche Agitation, die gar nicht aufhört, von Land zu Land zu gehen.‘“

 

Zum Verlauf der zweiten Hauptverhandlung am 29. Oktober 1934 schreibt Hannah Einhaus (S. 50f):  „Über die Geschichte der ‘Protokolle‘ und deren Verbreitung in Russland sagte als Erster der französische Graf Armand Alexandre de Blanquet du Chayla aus. Er war 1909 nach Russland emigriert, zur griechisch-orthodoxen Kirche konvertiert und hatte mit einem gewissen Sergei Nilus einige Jahre im Kloster Optina Pustyn verbracht. Nilus war derjenige, der die ‘Protokolle‘ 1901 als Anhang der Publikation ‘Das Große im Kleinen, der herannahende Antichrist und das Reich des Teufels auf der Erde‘ und 1905 als eigenständige Publikation in Russland in Umlauf brachte. Laut du Chayla war Nilus ‘zwar ein intelligenter Mensch, aber ein Paranoiker, der von der Idee vom Nahen des Antichrist besessen war‘, und einer, der an übernatürliche Kräfte glaubte. Nilus habe ihm gestanden, der Leiter des russischen Geheimdienstes Ochrana in Paris, Pjotr Ratschkowsky, habe ihm die gefälschten ‘Protokolle‘ auf Umwegen zukommen lassen. An deren Echtheit habe Nilus wohl zeitweise selbst gezweifelt (…). Du Chayla bestätigte vor dem Gericht, dass die ‘Protokolle‘ zur Anstiftung von Pogromen dienten. Das Pogrom von Kischniew im Jahre 1903, die Pogrome zur Zeit der ersten provisorischen Regierung 1905, die Pogrome gegen Hunderttausende von Juden in der Zeit des Ersten Weltkriegs und der Oktoberrevolution von 1917 und die Pogrome nach der Machtübernahme durch die Bolschewiken: immer wieder nannten die Zeugen die ‘Protokolle‘ als wichtige Quelle, um antisemitische Hetze gegen jüdische Sündenböcke zu schüren. Der jüdische Advokat Henri Sliosberg, noch zur Zeit des Zaren juristischer Berater im Innenministerium, schloss sich du Chayla an. Kurz nach 1900 erhielt er den Auftrag, eine Expertise über die ‘Protokolle‘ anzufertigen, und kam damals zum Schluss, dass Juden immer Sündenböcke gewesen seien, wenn irgendwo im weiten Russland etwas schiefging. (…) Nach seiner Meinung dienten die ‘Protokolle‘ dazu, die demokratischen Strömungen in Russland zu unterlaufen.“ Hannah Einhaus (S. 51f) weiter: „Was mit den ‘Protokollen‘ geschah, nachdem sie von Nilus nach Russland eingeführt worden waren, war im Gerichtssaal des Berner Amtshauses weitgehend klar geworden. Doch wie waren sie entstanden? Der Geheimdienstchef Ratschkowsky (…) ließ im Auftrag des Zaren Alexander III. die Exilrussen bespitzeln und arbeitete dabei eng mit dem Pariser Polizeichef zusammen. Dessen Frau führte einen Salon, in dem auch Russen verkehrten. Die Vermutung liegt nahe, dass Ratschkowsky dort ein- und ausging. (…) Wie die ‘Protokolle‘ entstanden, erfuhr das Publikum im Gerichtssaal durch die Aussagen des nächsten Zeugen, des russischen Rechtsgelehrten und Journalisten Sergei Swatikow. Ratschkowskys enger Mitarbeiter und Mitwisser Heinrich Bint hatte ihm in Paris die Details erklärt, berichtete Swatikow vor Gericht. Er ließ in der Befragung im Zeugenstand durch Brunschvig keine Zweifel daran aufkommen, dass es sich bei den ‘Protokollen‘ um eine Fälschung handelt. Von der provisorischen Regierung 1917 war er als Polizeikommissar nach Frankreich geschickt worden, um die zaristische Ochrana aufzulösen. Im Pariser Büro habe ihm Bint den Hergang der Fälschung erklärt. Swatikow nannte das Werk von Maurice Joly ‘Dialog in der Hölle‘ als Vorlage für die ‘Protokolle‘ und bestätigte damit Philipp Graves‘ Darstellung in der Londoner ‘Times‘ vom Jahr 1921. ‘Die Protokolle sind eine Fälschung‘, äußerte er kategorisch, sie griffen die Nationalehre Russlands an. ‘Dies ist eine Lüge, eine Legende, eine Fälschung von dem Schurken Ratschkowsky hergestellt. Darum ist es für uns wichtig, zu hören, was dieses ganz unabhängige Tribunal des freien Volkes des freiesten demokratischen Landes zu dieser Sache sagen wird.‘“

 

Der furchtbare „Experte“ Ulrich Fleischhauer aus Erfurt 1934 im Berner Prozess

 

Auch bei dieser Hauptverhandlung sahen sich die Schweizer Nazi-Anhänger nicht in der Lage, irgendeinen Nachweis zu erbringen, der für das Pamphlet sprach. Hannah Einhaus schreibt (S. 54): „Nach langem, vergeblichem Suchen präsentierten sie am dritten Verhandlungstag doch noch einen Experten namens Ulrich Fleischhauer.“ Es war ein Oberstleutnant a. D. aus Erfurt, der dort „mit seinem ‘Weltdienst‘ eine wichtige Propagandamaschine des ‘Dritten Reiches‘ betrieb“. Das Berner Gericht hätte, so Hannah Einhaus (S. 54), „den Prozess noch gerne im selben Jahr [1934] abgeschlossen, doch bereits zeichnete sich ab, dass die Nationalsozialisten und Frontisten auf eine Verschleppungstaktik setzten. Mehrmals bat der Mann aus Erfurt um Fristverlängerung für seine Expertise, welche ihm der Richter auch gewährte. Erst im Mai 1935 konnte das Verfahren weitergeführt werden.“


Eben auf diesen Ulrich Fleischhauer – bis 1933 Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei, laut Wikipedia seit 1. April 1942 NSDAP-Mitglied – glaubte sich der AfD-Abgeordnete Wolfgang Gedeon 2009 berufen zu können. Gedeon, dem es als Arzt nicht am rein denkerischen Rüstzeug fehlen kann, scheint vor allem deswegen auf gedankliche Abwege geraten zu sein, weil er sich nicht an der anerkannten Forschung orientierte – es hätte genügt, dass er das 1988 auf Deutsch erschienene Buch von Hadassa Ben-Itto, „‘Die Protokolle der Weisen von Zion‘. Anatomie einer Fälschung“ gelesen hätte. Stattdessen hing er offenbar dem Irrglauben an, die Wahrheit der Geschichte sei in obskuren, abseitigen Schriften zu finden. Darin bestand die Dummheit, die Gedeon beging. Ob diese Voreingenommenheit ohne gebührende Entschuldigung mit verantwortungsvoller baden-württembergischer Landtagstätigkeit vereinbar ist, wird sich im September 2016 und bei den nächsten Wahlen erweisen. Der Politikwissenschaftler und Soziologe Prof. Armin Pfahl-Traughber (26.5.2016): „Er [Gedeon] beruft sich bei all seinen Aussagen aus zweiter Hand auf einen Johannes Rothkranz, einen katholischen Fundamentalisten, der durch verschwörungsideologische Publikationen mit antisemitischen Tendenzen bekannt geworden ist. Fleischhauers Auffassung zitiert der heutige AfD-Landtagsabgeordnete auf ganzen vier Seiten aus dessen Schrift.“ Die Schweizer Historikerin Hannah Einhaus beleuchtet in ihrer Brunschvig-Biografie den zweiten Auftritt von Ulrich Fleischhauer in Bern 1935 (S. 54f): „Faktisch überließen die Schweizer Frontisten den Gerichtssaal Fleischhauer und machten ihm den Weg frei für eine regelrechte Propagandashow nach Art des ‘Dritten Reiches‘. Fleischhauers Interesse galt auch weniger den Frontisten und ihrer Sache als seiner Chance auf einen großen Auftritt. Er wollte den Ton angeben auf der Bühne, die der Berner Gerichtssaal bot. So lancierte er im ‘Dritten Reich‘ eine groß angelegte Pressekampagne.“ Der dritte Gerichtstermin war auf den 29. April 1935 angesetzt. Bis dahin hatte Fleischhauer, so Hannah Einhaus (S. 55), „seine ‘Expertise’ zusammengestellt“.

 

Der Berner Anwalt Boris Lifschitz schrieb dem Berner Journalisten, Schriftsteller und Sozialdemokraten Carl Albert Loosli, der seitens der Kläger als Gerichtsexperte mitwirkte, in einem Brief vom 4. März 1935 (Hannah Einhaus, S. 55): „Als ich das famose ‘wissenschaftliche‘ Werk Fleischhauers erstmals in die Hände bekam“, habe er sofort gesehen, „dass der gute Mann einen furchtbaren Mist zusammengeschmiert hat, der keineswegs den Namen ‘Gutachten‘ verdient. Ich merkte aber zugleich, dass die ‘Arbeit‘ gar nicht für das Gericht und den Prozess (…) geschrieben wurde.“ Hannah Einhaus über die dritte Verhandlungsrunde 1935 (S. 57): „Experte Ulrich Fleischhauer ließ fünf Tage lang einen ‘Hagel von Beschimpfungen auf die Juden prasseln‘, schrieb die ‘Neue Zürcher Zeitung‘ am 7. Mai [1935]: Der Erste Weltkrieg, die Niederlage Deutschlands und die daraus entstandene Demütigung, die Versailler Verträge und der Völkerbund seien, so Fleischhauer, von Juden eingeleitet worden. Das Judentum setzte er mit dem Bolschewismus wie auch der Freimauerei gleich. Es beherrsche die globale Finanzwelt und sei eine minderwertige Rasse. Trotz der epischen Länge des Gutachtens ließ Richter Meyer Fleischhauer reden. (…) Noch während der Prozesstage publizierte Fleischhauers Hammerverlag in Erfurt eine neue Fassung der ‘Protokolle‘, mit Auszügen aus seinem Gutachten.“

Die 99-jährige Zeitzeugin Odette Brunschvig mit der Historikerin Hannah Einhaus, Autorin der Biografie "Für Recht und Würde. Georges Brunschvig: Jüdischer Demo­krat, Berner Anwalt, Schweizer Patriot (1908-1973)", Chronos Verlag, Zürich 2016. - Bild: Peter Kamber, 25.6.2016

 

Odette Wyler, die spätere Frau von Georges Brunschvig, war damals 18-jährig und hörte sich, so Hannah Einhaus (S. 57), „Tag für Tag Fleischhauers menschenverachtende Propagandarede an. Ein Satz blieb ihr unvergesslich: ‘Judenweiber waschen ihre Kinder mit Spucke.‘ Dieser Ton Fleischhauers ging ihr nie mehr aus den Ohren. ‘Geschrien hat er im Stile Goebbels´‘, erinnert sie sich noch achtzig Jahre nach dem Prozess.“

 

Das Urteil im Berner Prozess

 

Richter Walter Meyer verkündete das Urteil am 14. Mai 1935. Hannah Einhaus (S. 60f): „Richter Meyer erhob sich, und es wurde still: Gegen das Argument der Pressefreiheit bemerkte er in seiner einstündigen Urteilsbegründung: ‘Die Pressefreiheit hört auf, wo die Gemeinheit beginnt. Es sei bewiesen worden, dass die ‘Protokolle‘ auf einer Vorlage des französischen Autors Maurice Joly beruhen; es gebe keinerlei Beweise, dass die ‘Protokolle‘ am Zionistenkongress in Basel beschlossen wurden. Auch die ‘innere Wahrheit‘ der ‘Protokolle‘, die angeblich auf dem Talmud basierten, sei von Oberrabbiner Ehrenpreis klar widerlegt worden. (…). Vor Fleischhauers Fleiß habe er größte Achtung, doch er schreibe aus den Büchern nur das ab, was für die Juden ungünstig sei. Ein Beweis für die Echtheit der ‘Protokolle‘ sei nicht erbracht worden. Die hetzerischen Stellen des Herausgebers Fritsch im Nachwort erfüllten den Tatbestand der Schundliteratur.“


Die angeklagten Schweizer Frontisten wurde freigesprochen, „da ihnen keine direkte Beteiligung an der Verbreitung der ‘Protokolle‘ nachgewiesen werden konnte“ (Hannah Einhaus, S. 61). „Der Richter schloss die Verhandlung mit den halb ernst, halb ironisch gemeinten Worten: ‘Ich hoffe, es werde eine Zeit kommen, in der kein Mensch mehr begreifen wird, wieso sich im Jahre 1935 beinahe ein Dutzend sonst ganz gescheiter und vernünftiger Leute vierzehn Tage lang vor einem bernischen Gericht über die Echtheit oder Unechtheit dieser sogenannten ‘Protokolle‘ die Köpfe zerbrechen konnten, dieser ‘Protokolle‘, die bei allem Schaden, den sie bereits gestiftet haben und noch stiften mögen, doch nichts anderes sind als ein lächerlicher Unsinn.‘“ (Hannah Einhaus, S.61).


Möge Gedeon, der die „Alternative“ am falschen, verhängnisvollen Ende suchte, die Entlarvung der „Protokolle“ als zaristisch-geheimdienstliche Fälschung im Berner Gerichtsprozess 1933 bis 35 zur Kenntnis nehmen und entsprechend verantwortlich handeln und schreiben lernen, denn Unsinn kann sich, mit Fanatismus verbunden, fatal auswirken. Noch immer. Leider.

 


 

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„Nichts so Ungeheures wie der Mensch“ (Sophokles) oder: Brechts Stunde Null des europäischen Gegenwartstheaters begann im Februar 1948 in Chur (18.05.2016)

Aus Anlass der Uraufführung des René Pollesch-Stücks "Bühne frei für Mick Levčik!" am Zürcher Schauspielhaus am 22. Mai 2016 hier ein bereits im Mai 2015 entstandenener Text von mir; in seinem neuen Stück bringt René Pollesch nach einer Idee des leider inzwischen verstorbenen Bert Neumann zusammen mit Barbara Steiner das Bühnenbild der Antigone-Inszenierung Bertolt Brechts aus dem Jahre 1948 zurück auf die Bühne (weitere Aufführungen: 30. Mai/ 8./17./21./26. und 27. Mai 2016)

 

 

„Und es ist Zeit für ein Theater der Neugierigen!“ (Brecht, „Antigonemodell 1948“)

 

Bertolt Brechts „Antigone“-Neufassung fiel bereits in den Kalten Krieg und sorgte für einen Theaterskandal – aus der geplanten Großtournee wurde nichts, denn die GeldgeberInnen sprangen ab. Als Quintessenz des Theaterexperiments schrieb Brecht noch gleichen Jahres in der Schweiz das legendäre „Kleine Organon für das Theater“. Werner Wüthrich schildert diese aus dem Bewusstsein geratenen Augenblicke der Theatergeschichte in einer minutiösen Rekonstruktion, die neue Denkräume eröffnet und dazu verführt, Brecht frisch zu lesen.

 

Die „Wirklichkeit zu zeigen“ sei „zum Genuss zu machen“, so formulierte Brecht 1948 seine eigenen Ansprüche bei der „Antigone“ in Chur. Das Thema der Sophokles-Tragödie nahm Brecht bitterernst: „die Rolle der Gewaltanwendung bei dem Zerfall der Staatsspitze“ wollte er als Regisseur aufzeigen, und zwar unverkennbar aus der Erfahrung des Zusammenbruchs des NS-Regimes. Gewalt, so notierte er in seinem „Journal“, erwachse aus der „Unzulänglichkeit“ (5.1.1948). Die „Struktur der Gesellschaft“ wollte er als „beeinflussbar“ zeigen („Das kleine Organon“, Nr. 33). Die Chancen für einen Erfolg standen nicht schlecht: Brecht war ein bekannter Autor, kehrte soeben aus dem Exil in den USA zurück, wo der McCarthy-Geist ihn vertrieben hatte, und Europa erwartete eine grundlegende Erneuerung der Kunst. Oder doch nicht?

 

Wiederbegegnung

 

Auf die „Antigone“ des altgriechischen Klassikers Sophokles war Brecht durch Zufall gekommen – doch der bringt nicht immer Glück, wie Werner Wüthrich in seinem neuen Buch nachweist („Die Antigone des Bertolt Brecht“; Chronos Verlag, Zürich 2015, 358 S.) In der Zürcher Stadelhoferstraße begegnete Brecht im November 1947 nämlich dem exilierten Theaterproduzenten Hans Curjel, der ihn und Kurt Weill einst, vor dem Krieg, in Berlin zur „Mahagonny“-Oper ermuntert hatte, selbst wenn Curjel diese dann aber in der Kroll-Oper, wo er zu der Zeit noch tätig war, nicht durchbrachte. Curjel leitete inzwischen in der Schweiz eine gutgehende Tournee-Genossenschaft – und zusätzlich das kleine Churer Stadttheater. Das Haus diente allerdings mehrmals in der Woche als Kino. Lehrende am Churer Gymnasium waren mit dem Wunsch nach einem griechischen Klassiker an Curjel herangetreten, und Curjel dachte gleich an Sophokles „Antigone“ – von der Hegel einst sagte, sie sei „die reinste Ausprägung der antiken Tragödie“, schreibt Wüthrich. Brecht willigte für 1000 Franken Honorar ein, die dichterisch stellenweise „dunkle“ Antigone-Übertragung des Johann Christian Friedrich Hölderlin zu verwenden – und zu überarbeiten. Curjel stellte noch eine Bedingung: Brecht solle selbst inszenieren. Der holte sich als Ko-Regisseur den Freund aus Schulzeiten und Bühnenbildner des Zürcher Schauspielhauses Caspar Neher. Wenn Brecht bereit war, nach Chur zu gehen, dann auch, weil er und Neher von der viel gerühmten Schauspielhaus-Ästhetik enttäuscht waren. „Man steht hier immer noch im Jahre 1926“, befand Neher. Und: „Wir haben die Zerstörung Europas erlebt. (…) und hier in der Schweiz macht man das älteste Theater, was man sich denken kann.“ Gemeint war, wie Werner Wüthrich im Gespräch erläutert „der feine, poetische, psychologische Realismus des Schauspielhauses“. Der ging auf die Ästhetik von Max Reinhardt und die Schauspielmethode von Konstantin S. Stanislawski zurück. Brecht hatte die klare Absicht, mit dieser Art „Illusionstheater“ zu brechen. Mit „Psychologie“ oder auch etwa dem einflussreichen französischen Existentialismus eines Anouilh oder Sartre, der die Entscheidung eines Individuums in den Vordergrund stellte, hatte Brecht „nichts am Hut“, ergänzt Wüthrich mündlich.

 

Brecht änderte ziemlich viel

 

Bei Sophokles war der neue Herrscher der Stadt Theben eine Figur, die anfänglich noch gute Gründe für sein hartes Handeln beanspruchen zu können glaubte. Er hieß bekanntlich Kreon und war der Onkel der bitter verfeindeten, unsinnig ums Leben gekommenen Ödipus-Söhne Polineikes und Eteokles: gegenseitig hatten sie sich im kriegerischen Zweikampf getötet. Antigone war deren Schwester – und trauerte. Kreon aber war voller Zorn über den einen, Polineikes, denn der hatte aus Hass auf den eigenen Bruder und eigentlichen Thronfolger Eteokles das feindliche Argos zu einer Belagerung Thebens aufgestachelt, also einen furchtbaren Verrat begangen. Dieser Angriff konnte Theben abschlagen, aber Kreon ließ sich zu einer besonderen Grausamkeit verleiten: zur Abschreckung durfte Polineikos nicht beerdigt werden, sondern sollte als Fraß der Hunde vor den Mauern der Stadt liegen bleiben. Antigone aber bedeckte ihn heimlich mit Staub. Kreon, taub gegenüber allen Ratschlägen, verfügte ein Todesurteil über Antigone, seine Nichte, obwohl sie die Braut seines eigenen Sohn Haimon war. Sturheit und Hochmut machten Kreon zum Tyrannen. Zu spät erst bringt ihn die durch sein Tun ausgelöste tragische Verkettung – Antigone, Haimon und Kreons Frau sterben und verfluchen ihn – zur Einsicht, und als ein Niemand muss er Theben schmählich verlassen. Brecht änderte die Geschichte. Im „Antigonemodell 1948“ schreibt er: „Frage: Soll Kreon im Unglück die Sympathie des Publikums haben? – Antwort: Nein.“ Nun, bei Brecht, ist Kreon alleiniger Verantwortlicher für einen Angriffs- und Raubkrieg gegen Argos, und es ist Kreon, der Polineikos tötet, als der nach dem von Brecht erfundenen Schlachtentod seines Bruders Eteokles desertieren will. Mit deutlichen Parallelen zum deutschen Diktator verliert Kreon nach vorschnell verkündetem Sieg und verfrühtem rauschhaftem Siegestaumel schließlich den Krieg gegen Argos, will aber ganz Theben mit sich in den Abgrund reißen. Bei Brecht blieb sich nur der Antigone-Strang der Handlung gleich.

 

Chur zeigt sich perplex

 

Die Aufführung wirkte gleichzeitig überinszeniert und „sehr kalt“. Überzeugt, das Theaterexperiment gehe als Modellinszenierung auf eine lange Tournee, überließ Brecht nichts dem Zufall und arbeitete intensiv mit dem neugeformten Ensemble und an der Ausstattung. Die Aufführung sollte mit der „Mutter Courage“ den Start bilden für den Neuanfang in Berlin: zwei Hauptrollen für Helene Weigel, Brechts Frau. Fatal erwies sich, dass Brecht die Premiere zweimal verschob, weitere nunmehr öffentliche Proben zwischen einer Vorpremiere und der eigentlichen Uraufführung einschob, ohne zu bedenken, dass sich das Publikum sowieso gleich ein fertige Meinung bilden würde. Mit ein Grund war sein Wunsch, die Aufführung Bild für Bild durch Ruth Berlau, die als seine Geliebte galt, fotografisch zu dokumentieren, im Hinblick auf „Antigonemodell 1948“. Ein Missverständnis entstand insbesondere, als die Schulklassen, die in die Proben geschleust wurden und sich am O-Text von Sophokles intensiv vorbereitet hatten, Bühnenarbeiter herumhantieren sahen – und das Ensemble saß auf im Halbkreis angeordneten Bänken vor dem rotbemalten Bühnenhintergrund herum, bevor einzelne aufstanden und erst in einem grell beleuchteten kleineren Spielfläche Haltung als SchauspielerIn annahmen. Dass dies bereits die fertige Aufführung war und zum ganzen Regiekonzept des „epischen Theaters“ gehörte, hatte ihnen niemand gesagt. Die Wirkung verpuffte, schlug ins Gegenteil um: er verstehe „nichts“ von Theater, setzte sich als Meinung fest. Ohnehin wurde bei Brecht in Chur „Kommunismus“ gewittert. Folge: Nur noch eine einzige, schlecht besuchte Aufführung wurde nach der Premiere angesetzt! Auch bot die Winterolympiade in St. Moritz scheinbar Erbaulicheres. Der Churer Lehrkörper verzieh Brecht nicht, über Hölderlin „hergefallen“ zu sein: „Barbarei“, „Sakrileg“, wie wenn dem „Tell“ des Malers Hodler eine „rote Fahne“ in die Hand gedrückt würde, hieß es.

 

Episches Theater

 

Die Profis, die aus Zürich und Deutschland anreisten, waren zwar beeindruckt, aber auch etwas erschreckt „über dieses kalte, rekonstruktive Theater“ – und statt einem längeren Gastspiel räumte das Zürcher Schauspielhaus dieser brechtschen Antigone nur eine einzige Matinee-Vorstellung an. Schlimmer: Curjels Theatergenossenschaft geriet durch den Flop in finanzielle Schieflage, sein Vertrag in Chur wurde nicht verlängert. Werner Wüthrich zeigt, dass die Reaktionen in Berlin-Ost sogar noch ablehnender waren als in der Schweiz, wo die Presse immerhin auch lobende Worte fand. Nach der Übersiedlung Bertolt Brechts und Helene Weigels nach Berlin und der Bildung des „Berliner Ensembles“ – zu dem auch etliche Kräfte der Chur-Inszenierung gehörten, u.a. der junge Kreon-Darsteller –, wurde eine Aufführung dieser Antigone schlicht untersagt. (Nur 1951 in der Provinz, in Greiz/Thüringen, wurde sie an wenigen Abenden gegeben, verschwand aber gleich wieder aus dem Spielplan.) Es war kein „positives“ Stück, und die Sozialistische Einheitspartei der neugegründeten DDR setzte wie das sowjetische Vorbild auf Identifikationstheater Marke sozialistischer Realismus, nicht auf Brecht’sche reflexive Distanz und „Formalismus“-verdächtige Archaisierung. Streng wurde Stanislawskis Einfühlungsmethode verordnet, wiewohl noch zu zaristischen Zeiten entwickelt. Dabei stützte sich Brecht mit dem Begriff episches Theater harmlos genug auf Schiller, der seinem Freund Goethe am 26.12.1797 schrieb: „Die dramatische Handlung bewegt sich vor mir, um die epische bewege ich mich selbst (…). Bewegt sich die Begebenheit vor mir, so bin ich streng an die sinnliche Gegenwart gefesselt, meine Phantasie verliert alle Freiheit, (…), alles Nachdenken ist mir versagt, weil ich einer fremden Gewalt folge. Beweg ich mich um die Begebenheit, die mir nicht entlaufen kann, so kann ich (…) nach meinem subjektiven Bedürfnis mich länger oder kürzer verweilen, kann Rückschritte machen oder Vorgriffe tun und so fort.“ (zit. nach: „Antigonemodell 1948“). Brecht suchte dann in den „Stanislawski-Studien 1951-1954“ einen Kompromiss zwischen seiner Ästhetik und jener des berühmten, 1863 geborenen und 1938 verstorbenen Russen. In den „Nachträgen zum ‚Kleinen Organon’“ des Jahres 1954 gab er den Begriff „episches Theater“ schließlich auf.

 

PS: Im Schlusssatz des „Kleinen Organon“ (1948) hielt Brecht fest, „die leichteste Weise der Existenz ist in der Kunst“. Im „Antigonemodell 1948“ jedoch, der nachträglichen Dokumentation der Aufführung, meinte er, KünstlerInnen täten gut daran, „nicht blindlings auf die Beteuerung zu vertrauen, dass Neues willkommen sei“.

 

Werner Wüthrich: Die Antigone des Bertolt Brecht. Eine experimentelle Theaterarbeit, Chur 1948 (Chronos Verlag, Zürich 2015, 358 Seiten, 70 Abbildungen)

 

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Wünsche (12.3.2016)

Im neuen Disney-Film "Zoomania" bewohnen Raubtiere und Beutetiere modisch bekleidet und politisch korrekt gemeinsam eine Großstadt, bis ausgerechnet die scheinbar Harmlosesten unter ihnen ein Komplott aushecken.
Die Kleider der Tiere in dem wunderbar utopischen Film ließen mich an ein Märchen zurückdenken, das ich 2013 niederschrieb und das damals auch von der Lehrerin einer 3. Klasse in der Schweiz Kindern vorgelesen wurde.

 

 

Wie die Tiere die Mode erfanden
Märchen
(Peter Kamber, 2013; © Liepman Agency)

 

Unbekleidet herumzugehen sei blöde, fand der Löwe: „Einfallslos und öde!“ Es töte seinen Geist. Also legte er sich ein Fell zu und er erfand die Mode. Die anderen Tiere taten es ihm nach. Und als die ersten Menschen das sahen, sprachen sie: „Wollen wir die einzigen ohne Kleider sein?“ Doch wie genau das vor sich ging, und wo, das soll hier geschildert werden.

 

Das Zebra war gewohnt, dass der Löwe ihm nachstellte und nachsprang – in keiner anderen Absicht, als es zu fressen. War das nicht ein Skandal? Damit konnte sich das Zebra natürlich auf keinen Fall einverstanden erklären. Zum Glück war das Zebra sehr schnell und rannte schon davon, wenn sie den Löwen oder die Löwin von weitem sah.
Die beiden waren ein junges, verliebtes Raubkatzenpaar und dementsprechend hielten sie sich nicht an geregelte Essenszeiten, dösten faul und schmusend unter einem schattigen Baum, bis sie merkten, wie ungeheuer hungrig sie eigentlich waren. Auf lange anstrengende Hetzjagden konnten sie sich dann auch gar nicht mehr einlassen – dazu fehlten ihnen die Kräfte, und dies war ein Glück für das ausdauernde Zebra, dem es nichts ausmachte, in hohem Tempo über weite Strecken zu galoppieren. Notfalls hatte das Zebra auch seine Hufe, mit denen es Boxschläge verteilte konnte, doch ein Kampf war keinesfalls ein Spaß, sondern böser Ernst und nervenaufreibend. Wenn der Löwe oder die Löwin gar hochspringen würde und es am Hals erwischte, dann würde das ohne Zweifel böse ausgehen. Also war Vorsicht geboten!


Mit Erstaunen sah das Zebra nun eines Tages aus seinem guten Versteck, dass der Löwe mit etwas ganz anderem beschäftigt war, als zu faulenzen oder ihm nachzujagen: Er ließ sich von der Löwin gehörig bewundern.
"Ein so schönes Fell hat sonst niemand", sagte die Löwin und sie wolle auch eins. Nur auf den Kragen könnte sie gut verzichten. Denn sie war klüger als er – der Stolz des Löwen verdunkelte manchmal seinen Verstand. Die Löwin aber dachte, wenn es kalt wäre, könne so eine Mähne um den Hals zwar vielleicht nützlich sein, aber unter der starken Sonne wäre sie sicherlich eine Last und würde sie bei der Jagd unnötig zum Schwitzen bringen.
„Dasselbe goldgelbe Fall, aber ohne Löwenmähne“, hüstelte sie, „ich meine: ohne Kragen!“
Der Löwe verschwand, dann kehrte er nach einer Weile wieder zurück und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Im Nu hatte die Löwin auch so ein Fell! Das Zebra staunte über die Verwandlung, die sich vor seinen Augen vollzog, und da das Zebra besonders gut darin geübt war, im Gras Fährten zu lesen, folgte es der Spur des Löwen.


Es ging durch ein dichtes Stück Wald, in einen tiefen Grund mit einem Bach, über einen Hügel mit üppigem Gestrüpp und da öffnete sich der Blick und das Zebra kam zu einem verzauberten See. Es war durstig und trank mit herabgesenktem Kopf. Das kühle Nass tat so gut, fast hätte das Zebra vergessen, weshalb es überhaupt hierhergekommen war. Da hörte es neben sich eine leise hohe Stimme, so fein, als wäre das Wesen, das zu ihr sprach, da und doch nicht da. Deshalb schaute sich das Zebra auch nicht um.
„Was tust du hier?“, hörte es im freundlichsten Ton der Welt.
Ohne hochzublicken, sagte das Zebra: „Trinken!“
„Das sehe ich“, sagte die Stimme, „aber du bist doch nicht deswegen hergekommen?“
„Wie wunderbar das Wasser hier schmeckt!“ Erst jetzt hob das Zebra den Kopf und dachte nach: „Ja, warum bloß führte mich der Weg hierher? Eben wusste ich’s noch!“
„Was vergessen ist, ist noch da, und plötzlich kommt es uns wieder in den Sinn“, sagte die Stimme. „Nur an das, was wir nie hörten und nie sahen, können wir uns nicht erinnern.“
„Oh, das klingt kompliziert“, sagte das Zebra, lass mich überlegen! Dräng mich nicht! Wie soll, wer zur Eile angetrieben wird, ruhig nachdenken?“
„Nimm dir Zeit! Je ruhiger der Atem geht, um so schneller fliegen uns die Gedanken zu.“
Noch immer ohne zur Seite zu schauen, denn die Stimme klang schön und rein und war kein Bisschen bedrohlich, wollte das Zebra schon in aller Ruhe noch einmal trinken, da plötzlich kam es ihm in den Sinn: „Der Löwe! Er hat neuerdings ein prächtiges goldgelbes Fell, und die Löwin auch. Da fragte ich mich, wie das wohl zu und her gegangen sei. Das schien mir wahre Zauberei!“
Nun erst drehte das Zebra den Kopf. Und was sah es über den Blättern der Seerosen? Eine Elfe mit schwirrenden Flügeln, die fast durchsichtig waren. In der Hand hielt die Elfe einen funkelnden Zauberstab.

 

 

„Oh!“, sagte das Zebra. „Bist du eine Elfe?“
„Das siehst du doch.“
„Ist es wahr“, fragte das Zebra schnell, „dass wer eine Elfe sieht, einen Wunsch frei hat?“
„Ja, freilich. Aber niemand weiß den Weg zu uns. Der Löwe fand ihn nur durch Zufall und gelobte feierlich zu schweigen! Deshalb möchte ich, bevor ich auch nur daran denke, dich nach einem Wunsch von dir zu fragen, zuerst wissen, ob noch andere Tiere hierher zu diesem stillen Ort finden könnten?“
„Ich glaube kaum! Und ich denke auch nicht, dass mir irgendwer gefolgt ist. Ich sah niemanden hinter mir!“
„Da bin ich ja beruhigt“, sagte die schöne Elfe. „Denn ich als Elfe habe, wie dir sicher klar ist, jeden Tag so viele wichtige Aufgaben zu erfüllen, dass ich keine Zeit hätte, allen Tieren einen Wunsch zu erfüllen!“
Das Zebra konnte sich zwar nicht vorstellen, was eine Elfe den lieben langen Tag zu erledigen hatte, aber es sagte bereitwillig:
„Natürlich hast du anderes zu tun! Ich sehe schon lebhaft, eine unendlich lange Schlange von Tieren vor mir, die alle nur darauf warten, sich von dir ihren größten Wunsch erfüllen zu lassen!“
„Genau! Kluges Zebra! Das wäre mein Ende hier! Wir Elfen brauchen die Einsamkeit, die Abgeschiedenheit und die Unberührtheit eines stillen Gewässers! Nun sag mir deinen Wunsch und versprich mir hoch und heilig, niemandem etwas davon zu erzählen!“
„Ehrenwort!“, versprach das Zebra, und sagte ohne lange zu überlegen: „Ich wünsche mir ebenfalls ein Fell! Wie der Löwe und die Löwin!“
„Bist du sicher, dass du goldgelb aussehen willst wie er und sie? Denn viele von den Tieren, mit denen du befreundet bist, könnten dich fürchten, wenn ihr euch zum Verwechseln ähnlich seht!“
Traurig ließ das Zebra den Kopf zum weißen, lehmigen Boden am Rande des verzauberten Sees sinken. Denn es sah ein, dass die Elfe recht hatte: Alle würden vor ihm die Flucht ergreifen und es wäre bald das einsamste Tier weit und breit! Aber was für ein Fell sollte sich denn stattdessen wünschen?
Die heiße Sonne stand seitwärts über ihnen und warf von schräg oben einen harten Schatten auf die vier Beine des Zebras. Da wo die Sonne hin schien , war leuchtendes Weiß, da wo der Schatten eines der Beine hinfiel, schwarz. Das Muster gefiel dem Zebra und es sagte der Elfe, genau so ein gestreiftes Fell, in dem sich Weiß und Schwarz abwechselten, möchte es haben!


Freudig suchte das Zebra den verschlungenen Weg zurück und ließ sich von allen Bekannten bestaunen. Doch obwohl alle das Zebra bestürmten, es möge ihnen das Geheimnis verraten, hielt es sich an das Versprechen und sagte: „Ich darf nichts darüber verlauten lassen. Keinen Ton!“
„So, so“, sagte der schlaue Fuchs, „keinen Mucks darfst du von dir geben?“
„Genau so ist es!“, bestätigte das Zebra.
„Verstehe ich!“, sagte der Fuchs scheinheilig. Auch der Fuchs sah wie alle anderen Tiere farblos aus, so als wäre er nur mit einer Linie gezeichnet! Und das fuchste ihn, wie er zu sagen pflegte!
„Geht alle nach Hause!“, rief der Fuchs. „Dringt nicht weiter auf das Zebra ein! Versprochen ist versprochen! Wer will schuld daran sein, wenn das Zebra sein Wort gibt und es dann wegen uns nicht halten kann!“


Als die Übrigen gegangen waren, dankte das Zebra dem Fuchs, ohne zu ahnen, dass der das Zebra nur aushorchen wollte und deshalb ganz allein mit ihm zu sein wünschte.
„Aber immer gerne!“, sagte der Fuchs scheinbar großherzig. „Auch ich bemühe mich, das, was ich verspreche, zu halten, und ich weiß, wie schwer mir das manchmal gemacht wird. Deshalb würde ich dich auch nie danach fragen, wem genau du denn das Versprechen, nichts zu sagen, ablegen musstest!“
„Das ist wirklich nett von dir“, sagte das Zebra. „So viel Verständnis hätte ich gar nicht erwartet!“
„Nun“, entgegnete der Fuchs, „wenn wir schon davon sprechen: Ich hätte mir selbstverständlich kein schwarz-weißes Fell gewünscht wie du!“
„Sondern?“, fragte das Zebra plötzlich bedrückt – denn das hörte sich nicht gerade freundlich an.
„Eines in Farbe! Ein rötliches, mit einem buschigen Schwanz!“
„Ach so!“, sagte das Zebra kleinlaut.
Der Fuchs spürte, dass der Augenblick gekommen wäre, den Versuch zu wagen, ob das Zebra nicht zu überlisten wäre, und im Ton des größten Bedauerns sagte er:
„Aber ich glaube, die Kräfte jenes Wesens, das dir dein Fell schenkte, reichen wohl nicht so weit, auch ein farbiges Kleid herbeizuzaubern, deshalb hat es wohl auch gar keinen Sinn, weiter davon zu reden!“
„Du irrst dich“, widersprach das Zebra ahnungslos, „die Elfe kann jeden Wunsch erfüllen!“
Schon hatte sich das Zebra verplappert und reumütig ging es den Weg zurück zum Zaubersee, um der Elfe das Ungeschick zu gestehen.
Die Elfe blickte streng, ob dem Zebra irgend ein anderes Tier gefolgt sein könnte, dann aber lösten sich die ernsten Gesichtszüge der Elfe und fanden zurück zum zauberhaften Lächeln, an dem Elfen zu erkennen sind:
„Dass wir uns gegen unseren Willen verraten, wenn uns listige Gesellen wie der Fuchs ausfragen, kann leider allen von uns geschehen!“
Kaum war das Zebra aber verschwunden, trat der Fuchs aus dem dichten Gebüsch hervor, stolzierte unter der Fee hin und her. Denn sie hatte sich mit ihren Flügen in die Luft erhoben und wollte vor ihm fliehen:
„Sieh an, eine Elfe!“, sagte er spöttisch. „Ich wette, nicht du bist es, die über jene Zauberkräfte verfügt, von der das Zebra mir leider nichts – sagen wir: so gut wie nichts – erzählen wollte! Wie schade! Wie gerne hätte ich dich, liebe, nette Elfe, bei allen Tieren in den höchsten Tönen gelobt! Es heißt zwar, wer eine Elfe sehe, dürfe sich was wünschen, doch das müsste ich zuerst sehen um es zu glauben! Denn ich bezweifle es sehr! Was du in den Händen hältst, sieht zwar ganz so aus wie ein Zauberstab, doch ist wohl nur Schabernack und zu nichts gut außer eitler Gaukelei.“
So fuhr er fort, die Elfe zu kränken, bis sie Kehrt machte und direkt vor ihm auf dem Boden landete.
„Bei meiner Ehre!“, sagte die Elfe. „Auch dir erfülle ich einen Wunsch, obwohl es nicht schön ist, dass du das mit Frechheiten erzwingst! Und dir muss ich das Versprechen, nichts über mich zu verraten, gar nicht abnehmen! Denn du wirst es sowieso eifersüchtig für dich bewahren! Du gönnst ja niemandem was! Da du nun aber schon mal hier bist, lass mich hören, was du begehrst, und dann bitte geh und lass mir meinen Frieden!“
„Wenn du wüsstest, wie gut ich dich verstehe!“, heuchelte der Fuchs, „auch ich könnte hier nicht den ganzen Tag rumsitzen und Wünsche der Tiere erfüllen: Denk dir nur, wie viel verschiedene Tiere es gibt! Sicher wäre ein Wunsch wunderlicher als der andere! Ich hingegen bin, wie du gleich sehen wirst, sehr bescheiden!“


Als der Fuchs zurückkehrte, hatte er das ersehnte rötliche Fell und den buschigen Schwanz.
„Nie im Leben!“, sagte er allen, die ihn befragten. „Ich wäre schön dumm, wenn ich euch auch nur das Geringste verraten würde!“ Stolz zog er seines Weges. Noch einmal drehte er sich um: „Geheimnisse wären keine Geheimnisse, wenn sie nicht geheim bleiben müssten!“
Der Papagei aber, der klügste unter den Vögeln, hatte von einem hohen Baum aus zugesehen, wie der Fuchs dem Zebra nachgeschlichen war. Und in Gedanken malte er sich schon aus, was für ein farbenfrohes Gefieder er als Papagei sich wünschen würde! Die Farben kannte er vom Regenbogen und wie hätte er sich da mit seinen vielen Papageienfreundinnen und -freunden auf eine einzige festlegen wollen? In allen Farben würden sie erstrahlen! Die bunteste Schar würden sie sein!
So flog der Papagei los und fand nach einigem Suchen hinter dem dichten Wald, der tiefen Bodensenke mit dem Bach und dem Hügel mit Büschen den lieblichen Zaubersee.


Die Elfe war gerade damit beschäftigt, mit ihrem glitzernden Stab Gedichte auf die Seeoberfläche zu schreiben. Dann wollte die Elfe die Seerosen zurechtschneiden und im Schilfrohr am Ufer nachsehen, ob die Kaulquappen der Frösche gut gediehen, auch ob die kleinen Fische gut geschützt wären, bis sie selbst groß und stark genug wären, im tiefen Wasser zu schwimmen.
Da landete der Papagei neben ihr und begann sich vor Lachen zu biegen: „Du bist es also! Eine Elfe! Wer hätte das gedacht! Ein Zaubersee, ganz in der Nähe, verborgen vor uns! Du hast dich gut versteckt, das muss ich zugeben!“ Und ehe die Elfe ihn auch nur bitten konnte, ihr Geheimnis zu wahren, flog er auf rief alle übrigen Tiere herbei! Und stundenlang, tagelang standen sie geduldig in einer langen Kolonne, bis jedes von ihnen an der Reihe war, sich etwas von der Elfe zu wünschen: Großwild, Bären, Elefanten, Giraffen, aber auch Rehe, Katzen, Hunde, Vögel. Die Adler warteten lange misstrauisch. Doch auch sie erhielten, was sie sich ausdachten. Bienen und Wespen summten der Elfe vor, was sie begehrten. Auch Käfer äußerten ihr Begehren. Die Elfe verstand alle ihre Stimmen. Krokodile hatten sich was ganz Besonderes ausgedacht. Am Schluss kamen die Schildkröten und zu allerletzt die Schnecken.


Die Menschen, die damals noch in Höhlen und in Laubhütten auf den Bäumen lebten, staunten nicht schlecht, als alle die modisch gekleideten Tiere plötzlich vor ihnen herumspazierten. Doch da auf dem Pfad zum See auch giftige Schlangen, schwere Mammuts und gefräßige Tiger waren, zögerten sie, sich anzustellen, und als sich endlich alle Tiere verlaufen hatten, da war die Elfe auch schon auf und davon, und der Zaubersee hatte aufgehört, ein verzauberter See zu sein.
Erschöpft und verzweifelt hatte sie das Weite gesucht, denn Elfen brauchen die Stille, sonst können sie mit ihrem Zauberstab keine Gedicht in die sanften Wellen schreiben und dadurch einen See verzaubern, auch keine Seerosen züchten und rauschendes Schilf wachsen lassen.
Da waren die Menschen natürlich traurig. „Wo ist die schöne Zeit der Elfen geblieben?“, klagten sie. „Wenn wir nur eher daran gedacht hätten, nach dem Zaubersee zu suchen! Was hätten wir von der Elfe nicht alles wünschen können!“
Da sie nun aber überall die zauberhaften Felle der Tiere sahen, begannen sie, nach faserigen Pflanzen zu suchen, wie Bast und Flachs, und begannen sie zu Leinen zu verweben. Auch zupften sie weiße wollige Watte aus platzenden Baumwollkapseln und verspannen sie zu Fäden für Gewebe. Die so gewonnenen Stoffe brachten sie mit Erdfarben zum Leuchten. Zuerst ahmten sie die Muster der Tierfelle nach, aber dann kamen ihnen immer neue Einfälle, einer toller und ausgefallener als der andere.


So kam es, dass die Tiere mit ihrer Einfallskraft die Mode erfanden, die Menschen diese Kunst aber schnell von ihnen lernten und sie darin noch zu übertreffen suchten, und wann immer die Elfe ab und zu heimlich zu ihrem geliebten ehemaligem Zaubersee zurückkehrte, lachte sie über die Fantasie der Modeschöpfer und Modeschöpferinnen unter diesen Menschen.


Sie zeigte sich aber nie mehr. Nur dann und wann, wenn ein Mädchen oder ein Junge einsam den Wunsch verspürte, am Ufer leise zu singen oder ein Gedicht zu verfassen, dann war es, als hörten sie die feine Stimme einer Elfe, die ihnen Worte eingab, zu denen sie an keinem anderen Ort gekommen wären als in dieser wunderbaren Stille des alten Zaubersees.

 

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