"In der Kultur kommt es nicht auf die grossen Kontraste, sondern auf die Nuancen an."

 

(Walter Benjamin, Passagen-Werk, S. 1026)

 

 

 


 

 

 

"Was überhaupt die Welt bewegt, das ist der Widerspruch, und es ist lächerlich zu sagen, der Widerspruch lasse sich nicht denken. Das Richtige in dieser Behauptung ist nur dies, dass es beim Widerspruch nicht sein Bewenden haben kann und dass derselbe sich selbst aufhebt."

 

(G.W.F. Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften I, S. 247)

 

 

 

 

 

 

 

 

Übrigens ... – ein Blog

(von Peter Kamber)

 

 

„Nichts so Ungeheures wie der Mensch“ (Sophokles) oder: Brechts Stunde Null des europäischen Gegenwartstheaters begann im Februar 1948 in Chur (18.05.2016)

Aus Anlass der Uraufführung des René Pollesch-Stücks "Bühne frei für Mick Levčik!" am Zürcher Schauspielhaus am 22. Mai 2016 hier ein bereits im Mai 2015 entstandenener Text von mir; in seinem neuen Stück bringt René Pollesch nach einer Idee des leider inzwischen verstorbenen Bert Neumann zusammen mit Barbara Steiner das Bühnenbild der Antigone-Inszenierung Bertolt Brechts aus dem Jahre 1948 zurück auf die Bühne (weitere Aufführungen: 30. Mai/ 8./17./21./26. und 27. Mai 2016)

 

 

„Und es ist Zeit für ein Theater der Neugierigen!“ (Brecht, „Antigonemodell 1948“)

 

Bertolt Brechts „Antigone“-Neufassung fiel bereits in den Kalten Krieg und sorgte für einen Theaterskandal – aus der geplanten Großtournee wurde nichts, denn die GeldgeberInnen sprangen ab. Als Quintessenz des Theaterexperiments schrieb Brecht noch gleichen Jahres in der Schweiz das legendäre „Kleine Organon für das Theater“. Werner Wüthrich schildert diese aus dem Bewusstsein geratenen Augenblicke der Theatergeschichte in einer minutiösen Rekonstruktion, die neue Denkräume eröffnet und dazu verführt, Brecht frisch zu lesen.

 

Die „Wirklichkeit zu zeigen“ sei „zum Genuss zu machen“, so formulierte Brecht 1948 seine eigenen Ansprüche bei der „Antigone“ in Chur. Das Thema der Sophokles-Tragödie nahm Brecht bitterernst: „die Rolle der Gewaltanwendung bei dem Zerfall der Staatsspitze“ wollte er als Regisseur aufzeigen, und zwar unverkennbar aus der Erfahrung des Zusammenbruchs des NS-Regimes. Gewalt, so notierte er in seinem „Journal“, erwachse aus der „Unzulänglichkeit“ (5.1.1948). Die „Struktur der Gesellschaft“ wollte er als „beeinflussbar“ zeigen („Das kleine Organon“, Nr. 33). Die Chancen für einen Erfolg standen nicht schlecht: Brecht war ein bekannter Autor, kehrte soeben aus dem Exil in den USA zurück, wo der McCarthy-Geist ihn vertrieben hatte, und Europa erwartete eine grundlegende Erneuerung der Kunst. Oder doch nicht?

 

Wiederbegegnung

 

Auf die „Antigone“ des altgriechischen Klassikers Sophokles war Brecht durch Zufall gekommen – doch der bringt nicht immer Glück, wie Werner Wüthrich in seinem neuen Buch nachweist („Die Antigone des Bertolt Brecht“; Chronos Verlag, Zürich 2015, 358 S.) In der Zürcher Stadelhoferstraße begegnete Brecht im November 1947 nämlich dem exilierten Theaterproduzenten Hans Curjel, der ihn und Kurt Weill einst, vor dem Krieg, in Berlin zur „Mahagonny“-Oper ermuntert hatte, selbst wenn Curjel diese dann aber in der Kroll-Oper, wo er zu der Zeit noch tätig war, nicht durchbrachte. Curjel leitete inzwischen in der Schweiz eine gutgehende Tournee-Genossenschaft – und zusätzlich das kleine Churer Stadttheater. Das Haus diente allerdings mehrmals in der Woche als Kino. Lehrende am Churer Gymnasium waren mit dem Wunsch nach einem griechischen Klassiker an Curjel herangetreten, und Curjel dachte gleich an Sophokles „Antigone“ – von der Hegel einst sagte, sie sei „die reinste Ausprägung der antiken Tragödie“, schreibt Wüthrich. Brecht willigte für 1000 Franken Honorar ein, die dichterisch stellenweise „dunkle“ Antigone-Übertragung des Johann Christian Friedrich Hölderlin zu verwenden – und zu überarbeiten. Curjel stellte noch eine Bedingung: Brecht solle selbst inszenieren. Der holte sich als Ko-Regisseur den Freund aus Schulzeiten und Bühnenbildner des Zürcher Schauspielhauses Caspar Neher. Wenn Brecht bereit war, nach Chur zu gehen, dann auch, weil er und Neher von der viel gerühmten Schauspielhaus-Ästhetik enttäuscht waren. „Man steht hier immer noch im Jahre 1926“, befand Neher. Und: „Wir haben die Zerstörung Europas erlebt. (…) und hier in der Schweiz macht man das älteste Theater, was man sich denken kann.“ Gemeint war, wie Werner Wüthrich im Gespräch erläutert „der feine, poetische, psychologische Realismus des Schauspielhauses“. Der ging auf die Ästhetik von Max Reinhardt und die Schauspielmethode von Konstantin S. Stanislawski zurück. Brecht hatte die klare Absicht, mit dieser Art „Illusionstheater“ zu brechen. Mit „Psychologie“ oder auch etwa dem einflussreichen französischen Existentialismus eines Anouilh oder Sartre, der die Entscheidung eines Individuums in den Vordergrund stellte, hatte Brecht „nichts am Hut“, ergänzt Wüthrich mündlich.

 

Brecht änderte ziemlich viel

 

Bei Sophokles war der neue Herrscher der Stadt Theben eine Figur, die anfänglich noch gute Gründe für sein hartes Handeln beanspruchen zu können glaubte. Er hieß bekanntlich Kreon und war der Onkel der bitter verfeindeten, unsinnig ums Leben gekommenen Ödipus-Söhne Polineikes und Eteokles: gegenseitig hatten sie sich im kriegerischen Zweikampf getötet. Antigone war deren Schwester – und trauerte. Kreon aber war voller Zorn über den einen, Polineikes, denn der hatte aus Hass auf den eigenen Bruder und eigentlichen Thronfolger Eteokles das feindliche Argos zu einer Belagerung Thebens aufgestachelt, also einen furchtbaren Verrat begangen. Dieser Angriff konnte Theben abschlagen, aber Kreon ließ sich zu einer besonderen Grausamkeit verleiten: zur Abschreckung durfte Polineikos nicht beerdigt werden, sondern sollte als Fraß der Hunde vor den Mauern der Stadt liegen bleiben. Antigone aber bedeckte ihn heimlich mit Staub. Kreon, taub gegenüber allen Ratschlägen, verfügte ein Todesurteil über Antigone, seine Nichte, obwohl sie die Braut seines eigenen Sohn Haimon war. Sturheit und Hochmut machten Kreon zum Tyrannen. Zu spät erst bringt ihn die durch sein Tun ausgelöste tragische Verkettung – Antigone, Haimon und Kreons Frau sterben und verfluchen ihn – zur Einsicht, und als ein Niemand muss er Theben schmählich verlassen. Brecht änderte die Geschichte. Im „Antigonemodell 1948“ schreibt er: „Frage: Soll Kreon im Unglück die Sympathie des Publikums haben? – Antwort: Nein.“ Nun, bei Brecht, ist Kreon alleiniger Verantwortlicher für einen Angriffs- und Raubkrieg gegen Argos, und es ist Kreon, der Polineikos tötet, als der nach dem von Brecht erfundenen Schlachtentod seines Bruders Eteokles desertieren will. Mit deutlichen Parallelen zum deutschen Diktator verliert Kreon nach vorschnell verkündetem Sieg und verfrühtem rauschhaftem Siegestaumel schließlich den Krieg gegen Argos, will aber ganz Theben mit sich in den Abgrund reißen. Bei Brecht blieb sich nur der Antigone-Strang der Handlung gleich.

 

Chur zeigt sich perplex

 

Die Aufführung wirkte gleichzeitig überinszeniert und „sehr kalt“. Überzeugt, das Theaterexperiment gehe als Modellinszenierung auf eine lange Tournee, überließ Brecht nichts dem Zufall und arbeitete intensiv mit dem neugeformten Ensemble und an der Ausstattung. Die Aufführung sollte mit der „Mutter Courage“ den Start bilden für den Neuanfang in Berlin: zwei Hauptrollen für Helene Weigel, Brechts Frau. Fatal erwies sich, dass Brecht die Premiere zweimal verschob, weitere nunmehr öffentliche Proben zwischen einer Vorpremiere und der eigentlichen Uraufführung einschob, ohne zu bedenken, dass sich das Publikum sowieso gleich ein fertige Meinung bilden würde. Mit ein Grund war sein Wunsch, die Aufführung Bild für Bild durch Ruth Berlau, die als seine Geliebte galt, fotografisch zu dokumentieren, im Hinblick auf „Antigonemodell 1948“. Ein Missverständnis entstand insbesondere, als die Schulklassen, die in die Proben geschleust wurden und sich am O-Text von Sophokles intensiv vorbereitet hatten, Bühnenarbeiter herumhantieren sahen – und das Ensemble saß auf im Halbkreis angeordneten Bänken vor dem rotbemalten Bühnenhintergrund herum, bevor einzelne aufstanden und erst in einem grell beleuchteten kleineren Spielfläche Haltung als SchauspielerIn annahmen. Dass dies bereits die fertige Aufführung war und zum ganzen Regiekonzept des „epischen Theaters“ gehörte, hatte ihnen niemand gesagt. Die Wirkung verpuffte, schlug ins Gegenteil um: er verstehe „nichts“ von Theater, setzte sich als Meinung fest. Ohnehin wurde bei Brecht in Chur „Kommunismus“ gewittert. Folge: Nur noch eine einzige, schlecht besuchte Aufführung wurde nach der Premiere angesetzt! Auch bot die Winterolympiade in St. Moritz scheinbar Erbaulicheres. Der Churer Lehrkörper verzieh Brecht nicht, über Hölderlin „hergefallen“ zu sein: „Barbarei“, „Sakrileg“, wie wenn dem „Tell“ des Malers Hodler eine „rote Fahne“ in die Hand gedrückt würde, hieß es.

 

Episches Theater

 

Die Profis, die aus Zürich und Deutschland anreisten, waren zwar beeindruckt, aber auch etwas erschreckt „über dieses kalte, rekonstruktive Theater“ – und statt einem längeren Gastspiel räumte das Zürcher Schauspielhaus dieser brechtschen Antigone nur eine einzige Matinee-Vorstellung an. Schlimmer: Curjels Theatergenossenschaft geriet durch den Flop in finanzielle Schieflage, sein Vertrag in Chur wurde nicht verlängert. Werner Wüthrich zeigt, dass die Reaktionen in Berlin-Ost sogar noch ablehnender waren als in der Schweiz, wo die Presse immerhin auch lobende Worte fand. Nach der Übersiedlung Bertolt Brechts und Helene Weigels nach Berlin und der Bildung des „Berliner Ensembles“ – zu dem auch etliche Kräfte der Chur-Inszenierung gehörten, u.a. der junge Kreon-Darsteller –, wurde eine Aufführung dieser Antigone schlicht untersagt. (Nur 1951 in der Provinz, in Greiz/Thüringen, wurde sie an wenigen Abenden gegeben, verschwand aber gleich wieder aus dem Spielplan.) Es war kein „positives“ Stück, und die Sozialistische Einheitspartei der neugegründeten DDR setzte wie das sowjetische Vorbild auf Identifikationstheater Marke sozialistischer Realismus, nicht auf Brecht’sche reflexive Distanz und „Formalismus“-verdächtige Archaisierung. Streng wurde Stanislawskis Einfühlungsmethode verordnet, wiewohl noch zu zaristischen Zeiten entwickelt. Dabei stützte sich Brecht mit dem Begriff episches Theater harmlos genug auf Schiller, der seinem Freund Goethe am 26.12.1797 schrieb: „Die dramatische Handlung bewegt sich vor mir, um die epische bewege ich mich selbst (…). Bewegt sich die Begebenheit vor mir, so bin ich streng an die sinnliche Gegenwart gefesselt, meine Phantasie verliert alle Freiheit, (…), alles Nachdenken ist mir versagt, weil ich einer fremden Gewalt folge. Beweg ich mich um die Begebenheit, die mir nicht entlaufen kann, so kann ich (…) nach meinem subjektiven Bedürfnis mich länger oder kürzer verweilen, kann Rückschritte machen oder Vorgriffe tun und so fort.“ (zit. nach: „Antigonemodell 1948“). Brecht suchte dann in den „Stanislawski-Studien 1951-1954“ einen Kompromiss zwischen seiner Ästhetik und jener des berühmten, 1863 geborenen und 1938 verstorbenen Russen. In den „Nachträgen zum ‚Kleinen Organon’“ des Jahres 1954 gab er den Begriff „episches Theater“ schließlich auf.

 

PS: Im Schlusssatz des „Kleinen Organon“ (1948) hielt Brecht fest, „die leichteste Weise der Existenz ist in der Kunst“. Im „Antigonemodell 1948“ jedoch, der nachträglichen Dokumentation der Aufführung, meinte er, KünstlerInnen täten gut daran, „nicht blindlings auf die Beteuerung zu vertrauen, dass Neues willkommen sei“.

 

Werner Wüthrich: Die Antigone des Bertolt Brecht. Eine experimentelle Theaterarbeit, Chur 1948 (Chronos Verlag, Zürich 2015, 358 Seiten, 70 Abbildungen)

 

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Wünsche (12.3.2016)

Im neuen Disney-Film "Zoomania" bewohnen Raubtiere und Beutetiere modisch bekleidet und politisch korrekt gemeinsam eine Großstadt, bis ausgerechnet die scheinbar Harmlosesten unter ihnen ein Komplott aushecken.
Die Kleider der Tiere in dem wunderbar utopischen Film ließen mich an ein Märchen zurückdenken, das ich 2013 niederschrieb und das damals auch von der Lehrerin einer 3. Klasse in der Schweiz Kindern vorgelesen wurde.

 

 

Wie die Tiere die Mode erfanden
Märchen
(Peter Kamber, 2013; © Liepman Agency)

 

Unbekleidet herumzugehen sei blöde, fand der Löwe: „Einfallslos und öde!“ Es töte seinen Geist. Also legte er sich ein Fell zu und er erfand die Mode. Die anderen Tiere taten es ihm nach. Und als die ersten Menschen das sahen, sprachen sie: „Wollen wir die einzigen ohne Kleider sein?“ Doch wie genau das vor sich ging, und wo, das soll hier geschildert werden.

 

Das Zebra war gewohnt, dass der Löwe ihm nachstellte und nachsprang – in keiner anderen Absicht, als es zu fressen. War das nicht ein Skandal? Damit konnte sich das Zebra natürlich auf keinen Fall einverstanden erklären. Zum Glück war das Zebra sehr schnell und rannte schon davon, wenn sie den Löwen oder die Löwin von weitem sah.
Die beiden waren ein junges, verliebtes Raubkatzenpaar und dementsprechend hielten sie sich nicht an geregelte Essenszeiten, dösten faul und schmusend unter einem schattigen Baum, bis sie merkten, wie ungeheuer hungrig sie eigentlich waren. Auf lange anstrengende Hetzjagden konnten sie sich dann auch gar nicht mehr einlassen – dazu fehlten ihnen die Kräfte, und dies war ein Glück für das ausdauernde Zebra, dem es nichts ausmachte, in hohem Tempo über weite Strecken zu galoppieren. Notfalls hatte das Zebra auch seine Hufe, mit denen es Boxschläge verteilte konnte, doch ein Kampf war keinesfalls ein Spaß, sondern böser Ernst und nervenaufreibend. Wenn der Löwe oder die Löwin gar hochspringen würde und es am Hals erwischte, dann würde das ohne Zweifel böse ausgehen. Also war Vorsicht geboten!


Mit Erstaunen sah das Zebra nun eines Tages aus seinem guten Versteck, dass der Löwe mit etwas ganz anderem beschäftigt war, als zu faulenzen oder ihm nachzujagen: Er ließ sich von der Löwin gehörig bewundern.
"Ein so schönes Fell hat sonst niemand", sagte die Löwin und sie wolle auch eins. Nur auf den Kragen könnte sie gut verzichten. Denn sie war klüger als er – der Stolz des Löwen verdunkelte manchmal seinen Verstand. Die Löwin aber dachte, wenn es kalt wäre, könne so eine Mähne um den Hals zwar vielleicht nützlich sein, aber unter der starken Sonne wäre sie sicherlich eine Last und würde sie bei der Jagd unnötig zum Schwitzen bringen.
„Dasselbe goldgelbe Fall, aber ohne Löwenmähne“, hüstelte sie, „ich meine: ohne Kragen!“
Der Löwe verschwand, dann kehrte er nach einer Weile wieder zurück und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Im Nu hatte die Löwin auch so ein Fell! Das Zebra staunte über die Verwandlung, die sich vor seinen Augen vollzog, und da das Zebra besonders gut darin geübt war, im Gras Fährten zu lesen, folgte es der Spur des Löwen.


Es ging durch ein dichtes Stück Wald, in einen tiefen Grund mit einem Bach, über einen Hügel mit üppigem Gestrüpp und da öffnete sich der Blick und das Zebra kam zu einem verzauberten See. Es war durstig und trank mit herabgesenktem Kopf. Das kühle Nass tat so gut, fast hätte das Zebra vergessen, weshalb es überhaupt hierhergekommen war. Da hörte es neben sich eine leise hohe Stimme, so fein, als wäre das Wesen, das zu ihr sprach, da und doch nicht da. Deshalb schaute sich das Zebra auch nicht um.
„Was tust du hier?“, hörte es im freundlichsten Ton der Welt.
Ohne hochzublicken, sagte das Zebra: „Trinken!“
„Das sehe ich“, sagte die Stimme, „aber du bist doch nicht deswegen hergekommen?“
„Wie wunderbar das Wasser hier schmeckt!“ Erst jetzt hob das Zebra den Kopf und dachte nach: „Ja, warum bloß führte mich der Weg hierher? Eben wusste ich’s noch!“
„Was vergessen ist, ist noch da, und plötzlich kommt es uns wieder in den Sinn“, sagte die Stimme. „Nur an das, was wir nie hörten und nie sahen, können wir uns nicht erinnern.“
„Oh, das klingt kompliziert“, sagte das Zebra, lass mich überlegen! Dräng mich nicht! Wie soll, wer zur Eile angetrieben wird, ruhig nachdenken?“
„Nimm dir Zeit! Je ruhiger der Atem geht, um so schneller fliegen uns die Gedanken zu.“
Noch immer ohne zur Seite zu schauen, denn die Stimme klang schön und rein und war kein Bisschen bedrohlich, wollte das Zebra schon in aller Ruhe noch einmal trinken, da plötzlich kam es ihm in den Sinn: „Der Löwe! Er hat neuerdings ein prächtiges goldgelbes Fell, und die Löwin auch. Da fragte ich mich, wie das wohl zu und her gegangen sei. Das schien mir wahre Zauberei!“
Nun erst drehte das Zebra den Kopf. Und was sah es über den Blättern der Seerosen? Eine Elfe mit schwirrenden Flügeln, die fast durchsichtig waren. In der Hand hielt die Elfe einen funkelnden Zauberstab.

 

 

„Oh!“, sagte das Zebra. „Bist du eine Elfe?“
„Das siehst du doch.“
„Ist es wahr“, fragte das Zebra schnell, „dass wer eine Elfe sieht, einen Wunsch frei hat?“
„Ja, freilich. Aber niemand weiß den Weg zu uns. Der Löwe fand ihn nur durch Zufall und gelobte feierlich zu schweigen! Deshalb möchte ich, bevor ich auch nur daran denke, dich nach einem Wunsch von dir zu fragen, zuerst wissen, ob noch andere Tiere hierher zu diesem stillen Ort finden könnten?“
„Ich glaube kaum! Und ich denke auch nicht, dass mir irgendwer gefolgt ist. Ich sah niemanden hinter mir!“
„Da bin ich ja beruhigt“, sagte die schöne Elfe. „Denn ich als Elfe habe, wie dir sicher klar ist, jeden Tag so viele wichtige Aufgaben zu erfüllen, dass ich keine Zeit hätte, allen Tieren einen Wunsch zu erfüllen!“
Das Zebra konnte sich zwar nicht vorstellen, was eine Elfe den lieben langen Tag zu erledigen hatte, aber es sagte bereitwillig:
„Natürlich hast du anderes zu tun! Ich sehe schon lebhaft, eine unendlich lange Schlange von Tieren vor mir, die alle nur darauf warten, sich von dir ihren größten Wunsch erfüllen zu lassen!“
„Genau! Kluges Zebra! Das wäre mein Ende hier! Wir Elfen brauchen die Einsamkeit, die Abgeschiedenheit und die Unberührtheit eines stillen Gewässers! Nun sag mir deinen Wunsch und versprich mir hoch und heilig, niemandem etwas davon zu erzählen!“
„Ehrenwort!“, versprach das Zebra, und sagte ohne lange zu überlegen: „Ich wünsche mir ebenfalls ein Fell! Wie der Löwe und die Löwin!“
„Bist du sicher, dass du goldgelb aussehen willst wie er und sie? Denn viele von den Tieren, mit denen du befreundet bist, könnten dich fürchten, wenn ihr euch zum Verwechseln ähnlich seht!“
Traurig ließ das Zebra den Kopf zum weißen, lehmigen Boden am Rande des verzauberten Sees sinken. Denn es sah ein, dass die Elfe recht hatte: Alle würden vor ihm die Flucht ergreifen und es wäre bald das einsamste Tier weit und breit! Aber was für ein Fell sollte sich denn stattdessen wünschen?
Die heiße Sonne stand seitwärts über ihnen und warf von schräg oben einen harten Schatten auf die vier Beine des Zebras. Da wo die Sonne hin schien , war leuchtendes Weiß, da wo der Schatten eines der Beine hinfiel, schwarz. Das Muster gefiel dem Zebra und es sagte der Elfe, genau so ein gestreiftes Fell, in dem sich Weiß und Schwarz abwechselten, möchte es haben!


Freudig suchte das Zebra den verschlungenen Weg zurück und ließ sich von allen Bekannten bestaunen. Doch obwohl alle das Zebra bestürmten, es möge ihnen das Geheimnis verraten, hielt es sich an das Versprechen und sagte: „Ich darf nichts darüber verlauten lassen. Keinen Ton!“
„So, so“, sagte der schlaue Fuchs, „keinen Mucks darfst du von dir geben?“
„Genau so ist es!“, bestätigte das Zebra.
„Verstehe ich!“, sagte der Fuchs scheinheilig. Auch der Fuchs sah wie alle anderen Tiere farblos aus, so als wäre er nur mit einer Linie gezeichnet! Und das fuchste ihn, wie er zu sagen pflegte!
„Geht alle nach Hause!“, rief der Fuchs. „Dringt nicht weiter auf das Zebra ein! Versprochen ist versprochen! Wer will schuld daran sein, wenn das Zebra sein Wort gibt und es dann wegen uns nicht halten kann!“


Als die Übrigen gegangen waren, dankte das Zebra dem Fuchs, ohne zu ahnen, dass der das Zebra nur aushorchen wollte und deshalb ganz allein mit ihm zu sein wünschte.
„Aber immer gerne!“, sagte der Fuchs scheinbar großherzig. „Auch ich bemühe mich, das, was ich verspreche, zu halten, und ich weiß, wie schwer mir das manchmal gemacht wird. Deshalb würde ich dich auch nie danach fragen, wem genau du denn das Versprechen, nichts zu sagen, ablegen musstest!“
„Das ist wirklich nett von dir“, sagte das Zebra. „So viel Verständnis hätte ich gar nicht erwartet!“
„Nun“, entgegnete der Fuchs, „wenn wir schon davon sprechen: Ich hätte mir selbstverständlich kein schwarz-weißes Fell gewünscht wie du!“
„Sondern?“, fragte das Zebra plötzlich bedrückt – denn das hörte sich nicht gerade freundlich an.
„Eines in Farbe! Ein rötliches, mit einem buschigen Schwanz!“
„Ach so!“, sagte das Zebra kleinlaut.
Der Fuchs spürte, dass der Augenblick gekommen wäre, den Versuch zu wagen, ob das Zebra nicht zu überlisten wäre, und im Ton des größten Bedauerns sagte er:
„Aber ich glaube, die Kräfte jenes Wesens, das dir dein Fell schenkte, reichen wohl nicht so weit, auch ein farbiges Kleid herbeizuzaubern, deshalb hat es wohl auch gar keinen Sinn, weiter davon zu reden!“
„Du irrst dich“, widersprach das Zebra ahnungslos, „die Elfe kann jeden Wunsch erfüllen!“
Schon hatte sich das Zebra verplappert und reumütig ging es den Weg zurück zum Zaubersee, um der Elfe das Ungeschick zu gestehen.
Die Elfe blickte streng, ob dem Zebra irgend ein anderes Tier gefolgt sein könnte, dann aber lösten sich die ernsten Gesichtszüge der Elfe und fanden zurück zum zauberhaften Lächeln, an dem Elfen zu erkennen sind:
„Dass wir uns gegen unseren Willen verraten, wenn uns listige Gesellen wie der Fuchs ausfragen, kann leider allen von uns geschehen!“
Kaum war das Zebra aber verschwunden, trat der Fuchs aus dem dichten Gebüsch hervor, stolzierte unter der Fee hin und her. Denn sie hatte sich mit ihren Flügen in die Luft erhoben und wollte vor ihm fliehen:
„Sieh an, eine Elfe!“, sagte er spöttisch. „Ich wette, nicht du bist es, die über jene Zauberkräfte verfügt, von der das Zebra mir leider nichts – sagen wir: so gut wie nichts – erzählen wollte! Wie schade! Wie gerne hätte ich dich, liebe, nette Elfe, bei allen Tieren in den höchsten Tönen gelobt! Es heißt zwar, wer eine Elfe sehe, dürfe sich was wünschen, doch das müsste ich zuerst sehen um es zu glauben! Denn ich bezweifle es sehr! Was du in den Händen hältst, sieht zwar ganz so aus wie ein Zauberstab, doch ist wohl nur Schabernack und zu nichts gut außer eitler Gaukelei.“
So fuhr er fort, die Elfe zu kränken, bis sie Kehrt machte und direkt vor ihm auf dem Boden landete.
„Bei meiner Ehre!“, sagte die Elfe. „Auch dir erfülle ich einen Wunsch, obwohl es nicht schön ist, dass du das mit Frechheiten erzwingst! Und dir muss ich das Versprechen, nichts über mich zu verraten, gar nicht abnehmen! Denn du wirst es sowieso eifersüchtig für dich bewahren! Du gönnst ja niemandem was! Da du nun aber schon mal hier bist, lass mich hören, was du begehrst, und dann bitte geh und lass mir meinen Frieden!“
„Wenn du wüsstest, wie gut ich dich verstehe!“, heuchelte der Fuchs, „auch ich könnte hier nicht den ganzen Tag rumsitzen und Wünsche der Tiere erfüllen: Denk dir nur, wie viel verschiedene Tiere es gibt! Sicher wäre ein Wunsch wunderlicher als der andere! Ich hingegen bin, wie du gleich sehen wirst, sehr bescheiden!“


Als der Fuchs zurückkehrte, hatte er das ersehnte rötliche Fell und den buschigen Schwanz.
„Nie im Leben!“, sagte er allen, die ihn befragten. „Ich wäre schön dumm, wenn ich euch auch nur das Geringste verraten würde!“ Stolz zog er seines Weges. Noch einmal drehte er sich um: „Geheimnisse wären keine Geheimnisse, wenn sie nicht geheim bleiben müssten!“
Der Papagei aber, der klügste unter den Vögeln, hatte von einem hohen Baum aus zugesehen, wie der Fuchs dem Zebra nachgeschlichen war. Und in Gedanken malte er sich schon aus, was für ein farbenfrohes Gefieder er als Papagei sich wünschen würde! Die Farben kannte er vom Regenbogen und wie hätte er sich da mit seinen vielen Papageienfreundinnen und -freunden auf eine einzige festlegen wollen? In allen Farben würden sie erstrahlen! Die bunteste Schar würden sie sein!
So flog der Papagei los und fand nach einigem Suchen hinter dem dichten Wald, der tiefen Bodensenke mit dem Bach und dem Hügel mit Büschen den lieblichen Zaubersee.


Die Elfe war gerade damit beschäftigt, mit ihrem glitzernden Stab Gedichte auf die Seeoberfläche zu schreiben. Dann wollte die Elfe die Seerosen zurechtschneiden und im Schilfrohr am Ufer nachsehen, ob die Kaulquappen der Frösche gut gediehen, auch ob die kleinen Fische gut geschützt wären, bis sie selbst groß und stark genug wären, im tiefen Wasser zu schwimmen.
Da landete der Papagei neben ihr und begann sich vor Lachen zu biegen: „Du bist es also! Eine Elfe! Wer hätte das gedacht! Ein Zaubersee, ganz in der Nähe, verborgen vor uns! Du hast dich gut versteckt, das muss ich zugeben!“ Und ehe die Elfe ihn auch nur bitten konnte, ihr Geheimnis zu wahren, flog er auf rief alle übrigen Tiere herbei! Und stundenlang, tagelang standen sie geduldig in einer langen Kolonne, bis jedes von ihnen an der Reihe war, sich etwas von der Elfe zu wünschen: Großwild, Bären, Elefanten, Giraffen, aber auch Rehe, Katzen, Hunde, Vögel. Die Adler warteten lange misstrauisch. Doch auch sie erhielten, was sie sich ausdachten. Bienen und Wespen summten der Elfe vor, was sie begehrten. Auch Käfer äußerten ihr Begehren. Die Elfe verstand alle ihre Stimmen. Krokodile hatten sich was ganz Besonderes ausgedacht. Am Schluss kamen die Schildkröten und zu allerletzt die Schnecken.


Die Menschen, die damals noch in Höhlen und in Laubhütten auf den Bäumen lebten, staunten nicht schlecht, als alle die modisch gekleideten Tiere plötzlich vor ihnen herumspazierten. Doch da auf dem Pfad zum See auch giftige Schlangen, schwere Mammuts und gefräßige Tiger waren, zögerten sie, sich anzustellen, und als sich endlich alle Tiere verlaufen hatten, da war die Elfe auch schon auf und davon, und der Zaubersee hatte aufgehört, ein verzauberter See zu sein.
Erschöpft und verzweifelt hatte sie das Weite gesucht, denn Elfen brauchen die Stille, sonst können sie mit ihrem Zauberstab keine Gedicht in die sanften Wellen schreiben und dadurch einen See verzaubern, auch keine Seerosen züchten und rauschendes Schilf wachsen lassen.
Da waren die Menschen natürlich traurig. „Wo ist die schöne Zeit der Elfen geblieben?“, klagten sie. „Wenn wir nur eher daran gedacht hätten, nach dem Zaubersee zu suchen! Was hätten wir von der Elfe nicht alles wünschen können!“
Da sie nun aber überall die zauberhaften Felle der Tiere sahen, begannen sie, nach faserigen Pflanzen zu suchen, wie Bast und Flachs, und begannen sie zu Leinen zu verweben. Auch zupften sie weiße wollige Watte aus platzenden Baumwollkapseln und verspannen sie zu Fäden für Gewebe. Die so gewonnenen Stoffe brachten sie mit Erdfarben zum Leuchten. Zuerst ahmten sie die Muster der Tierfelle nach, aber dann kamen ihnen immer neue Einfälle, einer toller und ausgefallener als der andere.


So kam es, dass die Tiere mit ihrer Einfallskraft die Mode erfanden, die Menschen diese Kunst aber schnell von ihnen lernten und sie darin noch zu übertreffen suchten, und wann immer die Elfe ab und zu heimlich zu ihrem geliebten ehemaligem Zaubersee zurückkehrte, lachte sie über die Fantasie der Modeschöpfer und Modeschöpferinnen unter diesen Menschen.


Sie zeigte sich aber nie mehr. Nur dann und wann, wenn ein Mädchen oder ein Junge einsam den Wunsch verspürte, am Ufer leise zu singen oder ein Gedicht zu verfassen, dann war es, als hörten sie die feine Stimme einer Elfe, die ihnen Worte eingab, zu denen sie an keinem anderen Ort gekommen wären als in dieser wunderbaren Stille des alten Zaubersees.

 

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Rattenfänger – von Hameln und anderswo (3.3.2016)

Wen wir wann am Ton der Sprache und an den Taten erkennen

 

Wie leicht mit fremdenfeindlichen Verbalattacken und Plakat-Hetze zusätzliche Prozentpunkte bei Wahlen zu gewinnen sind, konnten die rechtsnationale Alternative für Deutschland und die Pegida lange Zeit an der nationalkonservativen, europafeindlichen Schweizerischen Volkspartei (SVP) absehen (die lange darauf aus war, in der Eidgenossenschaft eine „Tyrannei der Mehrheit“ zu errichten, wie der Zürcher Grüne Balthasar Glättli einmal formulierte).

 

Unter den diversen sprachlichen Anleihen zumindest scheint ein ganz bestimmtes AfD/Pegida-Schlagwort unverwechselbar auf diesen schweizerischen SVP-Ursprung zurückzugehen – kenntlich an der besonderen Absurdität und der Verwendung als Totschlag-Argument: Die Entgegnung nämlich, wer sie – im Sinne der alten deutschen Sage aus Hameln – „Rattenfänger“ nenne, bezeichne ihre Wählerinnen und Wähler damit im gleichen Zug als „Ratten“.

 

Dabei weiß jedes Kind, dass der um seinen Lohn betrogene Rattenfänger aus dem Mittelalter mit seiner Pfeife nur deshalb zum Schreckensbild wurde, weil er rachsüchtig wiederkehrte, um beim zweiten Mal junge Menschen und Kinder hinweg zu locken – nicht nochmals Ratten und Mäuse.

 

Armin-Paul Humpel, AfD-Vorsitzender in Niedersachsen, schleuderte dessen ungeachtet kürzlich in einer Deutschlandfunk-Diskussionssendung (8.2.2016) einem sozialdemokratischen Gegner wegen des „Rattenfänger“-Vergleichs entgegen: „Sie diffamieren uns als Ratten“, „als Rattenfänger“, das sei „kein demokratischer Diskurs, das ist nur noch übelste Beleidigung“, „eine Hetze gegen uns“. Uwe Junge, Spitzenkandidat der AfD in Rheinland-Pfalz blies in einer anderen Live-Diskussion des Deutschlandfunks (3.2.2016) gegenüber einem weiteren SPD-Mann, abgehackt, in dasselbe Horn: „Die SPD spricht von Rattenfängern. Wenn ich ein Fänger bin: in Ordnung. Aber wenn Sie bezogen auf 10% – wenn man davon ausgeht, in Rheinland-Pfalz, von 300.000 Bürgern in Rheinland-Pfalz – von Ratten sprechen, Bürger genau wie Sie, dann ist das nicht in Ordnung.“

 

Lutz Bachmann behauptete an der Pegida-Veranstaltung vom Montag, 19.10.2015 in Dresden über Justizminister Heiko Maas (SPD) schon dasselbe – insofern ist die Verwendung dieser auffallenden Rhetorik auch in hohem Maß charakteristisch für die propagandistische Übereinstimmung zwischen AfD und Pegida. Bachmann ist im Deutschlandfunk-Mitschnitt, der am 20.10.2015 gesendet wurde ("Pegida - Am Tag danach“), zwar an zwei Stellen nur schwer zu verstehen, doch der Rest der Aussage ist unzweifelhaft: „(...) ein Justizminister, dessen Wortschatz doch sehr an den des NS-Regimes aus den Dreißigern erinnert, der uns [?] als Rattenfänger bezeichnet und folglich [?] euch alle als Ratten, so wie es in den Dreißigern geschehen ist, als die Juden als Ratten bezeichnet wurden vom Regime; genauso macht das unser Justizminister mit uns allen momentan.“

 

Ausgedacht hatte sich diese Keulen-Rhetorik – wenn auch ohne den Bachmann’schen NS-Vergleich – ursprünglich der Schweizer Roger Köppel, und zwar in einem Editorial seiner rechtsgewendeten, einstmals überparteilich-liberalen „Weltwoche“ (Nr. 41, 8. Oktober 2014): Einem für Medizinaltechnik bekannten Schweizer Unternehmer (Hansjörg Wyss), der vor der SVP als den „Rattenfängern in Seldwyla“ warnte, warf Köppel damals „die erstaunliche Abgeschmacktheit seiner Vorwürfe und Sprachbilder“ vor: „Er beleidigt vor allem eine Mehrheit der Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger, die er anscheinend für so dumm und für so unmündig hält, dass sie ‚Rattenfängern’ hinterherlaufen. Nur Ratten lassen sich von Rattenfängern fangen. Die Schweizer aber sind keine Ratten.“

 

Klarer Denkfehler Köppels: Die Grimm’sche Sage und die unzähligen Vorgängererzählungen seit dem Mittelalter reden eindeutig von Kindern (vgl. Hans Dobbertin, Quellensammlung zur Hamelner Rattenfängersage, 1970; Wolfgang Mieder, Der Rattenfänger von Hameln. Die Sage in Literatur, Medien und Karikaturen, 2002).

 

Seltsamerweise verwendete Roger Köppel vor einiger Zeit in der Talkshow bei Sandra Maischberger (27.1.2016) den Ausdruck „Rattenfänger“ dann aber doch auch wieder selbst – für Rechtsextremisten, von denen er sich und seine SVP abgrenzt, obwohl er ideologisch so weit rechts außen streut, wie es seiner Meinung nach gerade noch ungestraft geht.

 

In der politischen Rhetorik der Neuzeit steht der Ausdruck Rattenfänger für einen Verführer, Scharlatan und Hetzer, dem die Massen wie hypnotisiert nachlaufen. Der österreichische Romanautor Johannes Freumbichler (1881-1949) – heute vor allem noch bekannt als der Großvater des wortgewaltigen Autors Thomas Bernhard – , etwa hielt 1948 in seinen Notizbüchern fest: „Daher fallen die Millionen Dummköpfe einem solchen Rattenfänger wie Hitler zu. Es ist die Dummheit, die sie ihm zutreibt. Sie sehen sich in ihm wiederum selbst, ins Maßlose vergrößert. Er ist ihnen das, was sie selber gerne sind und sein möchten: Ein befehlender, tyrannischer Stiefelmensch.“ (zit. nach Bernhard Judex, Der Schriftsteller Johannes Freumbichler, 2006, S. 162f)

 

Thomas Bernhard sebst bezeichnete schon mal auch Goethe als „philosophischen Rattenfänger“, der den Deutschen „ihre Seelenmarmelade abgefüllt hat“ (zit. nach www.zeitlupenbaer.de), weil Goethe – mit anderen – im frühen 19. Jahrhundert den Rattenfänger von Hameln in einem Gedicht romantisierte. „Ich bin der wohlbekannte Sänger,/ Der vielgereiste Rattenfänger“ (Goethe, „Der Rattenfänger“, 1804). Noch Carl Zuckmayer versuchte in seinem allerletzten Theaterstück „Der Rattenfänger“ (uraufgeführt 11.2.1975 am Schauspielhaus Zürich) dasselbe und präsentierte die Figur als eine Art Hippie, doch erfolglos: Wut, die in Gewalt umschlägt, lässt sich nicht mehr positiv wenden.

 

Noch um 1700 herum galt der Rattenfänger aus Hameln den meisten Kommentatoren als „ein böser Geist“, als „Hexenmeister“ oder gar als „der leidige Satan“ selbst. Er zählte klar zum dämonischen Typus: Elemente älterer Teufelssagen flossen sukzessiv in die Sage ein.

 

Der Rattenfänger kann Töne anzustimmen, welche die Leute um den gesunden Menschenverstand bringen – sie merken nicht, wie er ihnen den Tod bringt.

 

In den „Deutschen Sagen“ (1816/18) der Brüder Grimm hieß die Geschichte bekanntlich „Die Kinder von Hameln“: „Im Jahr 1284 ließ sich zu Hameln ein wunderlicher Mann sehen. Er (…) gab sich für einen Rattenfänger aus, indem er versprach, gegen ein gewisses Geld die Stadt von allen Mäusen und Ratten zu befreien.“ Der Rest der vielfach übersetzten Sage ist Allgemeingut. Wikipedia behauptet, „dass mehr als eine Milliarde Menschen sie kennen“.

 

„Nachdem die Bürger aber von ihrer Plage befreit waren, reute sie der versprochene Lohn und sie verweigerten ihn dem Manne unter allerlei Ausflüchten, so dass er zornig und erbittert wegging.“

 

Es ist also die Geschichte einer furchtbaren Wut, die zu einer unmäßigen Rache führt. Die Gebrüder Grimm weiter: „(…) erschien er wieder, jetzt in Gestalt eines Jägers erschrecklichen Angesichts mit einem roten, wunderlichen Hut und ließ seine Pfeife in den Gassen hören. Alsbald kamen diesmal nicht Ratten und Mäuse, sondern Kinder, Knaben und Mägdlein vom vierten Jahr an, in großer Anzahl gelaufen, worunter auch die schon erwachsene Tochter des Burgermeisters war. Der ganze Schwarm folgte ihm nach und er führte sie hinaus in einen Berg, wo er mit ihnen verschwand.“ (zit. nach: Heinz Rölleke, Das große deutsche Sagenbuch, Artemis & Winkler, Zürich 1996)

 

Der Rattenfänger übersteigt also an Schrecken bei weitem den ebenfalls Grimmschen Wolf im Schafspelz oder den Lafontaine’schen schmeichlerisch-lügenhaften Fuchs: die Gestalt lädt eine unablösbare Schuld auf sich. Psychologisch passt die Sagenfigur durchaus zur Wutgetriebenheit der AfD/Pegida, und es ist hoch bedeutsam, mit welcher Vehemenz deren Exponenten gerade diese Ähnlichkeit bestreiten.

 

Ein Phantasma wirkt, solange es unbewusst bleibt und Konsequenzen verdrängt werden können. Von Wortbruch reden auch sie, und in ihrem Zorn haben sie der bestehenden Parteienlandschaft Rache geschworen; wohin sie bestimmte Personen führen möchten, sagen einzelne auf mitgeführten Plakaten erschreckend offen. Nur an „Zaubermusik“ erinnern ihre Reden nicht:

 

„Der Stadt drawet [droht] sein Zorn und Rach“, schilderte im Jahr 1595 ein Erzähler der Sage, Georg Rollenhagen, und wegen der Verfluchungen, die der Rattenfänger äußerte, konnte er auch nur „heimlich“ vorgehen, während die Leute „in der Kirchen saßen“: „War der Mann widder [wieder] auff der Gassen / Und fü[h]rt mit sich hinauß geschwind / Hundert und dreißig liebe Kind / Die seiner Pfeiff folgten (…).“

 

Zum „Rattenfänger“ gehört von Anfang an die Heimtücke – wie jene, die in nächtlichen Anschlägen auf Asylunterkünfte zum Ausdruck kommt, bin ich verpflichtet zu sagen.
 

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